Am Sonntag, dem 25. Oktober, ist es wieder so weit: Die Zeitumstellung 2026 bringt uns die Winterzeit und damit die ehrenvolle Aufgabe, um 3 Uhr nachts eine Stunde zurückzudrehen, von der wir bis heute nicht wissen, wo sie eigentlich hergekommen ist. Ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen bereit – mit Leiter, Stuhl und dem festen Vorsatz, diesmal wirklich alle Uhren im Haus zu erwischen.
Es wird nicht klappen. Es klappt nie.
Das Leben vor der ersten Zeitumstellung
Es gab sie wirklich, die Zeit ohne Zeitumstellung. Man stand auf, wenn der Hahn krähte, aß, wenn die Sonne hoch stand, und war sonst nirgends pünktlich, weil jede Stadt ihre eigene Ortszeit pflegte. Erst 1893 wurde im Deutschen Reich die Mitteleuropäische Zeit zur gesetzlichen Zeit. Vorher war die Uhr in München anderer Meinung als die in Berlin, und beide hatten irgendwie recht.
Dann kam der Erste Weltkrieg und mit ihm 1916 die erste deutsche Sommerzeit, eingeführt zum Energiesparen und nach dem Krieg wieder abgeschafft, später kam sie zwischendurch noch mehrfach wieder und ging wieder. Dauerhaft dabei ist sie in der Bundesrepublik und in der DDR erst seit 1980, die heutige EU-weite Regelung gibt es seit 1996. Die Uhren im Flur waren damals noch harmlos: Sie hingen dort, tickten und wurden einmal am Tag aufgezogen. Keine Kaffeemaschine hatte eine Meinung. Die Menschen wussten gar nicht, was ihnen erspart blieb.
Die Uhr im Flur, die niemand anfasst
Jeder Haushalt besitzt mindestens eine Uhr, deren Umstellung als Geheimwissen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Backofenuhr etwa. Wer sie stellen will, muss gleichzeitig „Uhr“, „Plus“ und „Minus“ drücken, dabei den linken Fuß heben und an den Geburtstag der Großmutter denken.
„Ich habe die Backofenuhr zuletzt 2019 umgestellt“, sagt Renate Zifferblatt-Kowalski aus dem fiktiven Kleinsteinhausen. „Seitdem lebe ich in einer Art Zeitzone, die nur in meiner Küche gilt. Die Kartoffeln sind trotzdem immer pünktlich fertig – nur eben nicht heute.“
Auch die Uhr im Auto zeigt schon seit Jahren eine Zeit an, die mit der Wirklichkeit nur lose befreundet ist. Zweimal im Jahr fährt man los und rechnet dabei im Kopf: „Plus eins, minus eins, also eigentlich richtig, wenn ich das Ganze durch zwei teile.“ Danach ist man zu erschöpft, um noch anzukommen.
Die Kaffeemaschine hat eine eigene Meinung
Besonders heikel ist die Lage in der Küche. Die programmierbare Kaffeemaschine will morgens pünktlich um 6:30 Uhr loslegen. Nach der Umstellung tut sie das um 5:30 Uhr oder um 7:30 Uhr – je nach Laune, Mondphase und Kalkgehalt. Wer dann im Halbschlaf vor einer dampfenden Tasse steht, die eigentlich erst in einer Stunde hätte fertig sein sollen, spürt die ganze Wucht der Wahrheit: Auch Kaffee kennt Zeitdruck.
„Meine Maschine hat mich um 5:30 Uhr geweckt und mir mit einem Zischen mitgeteilt, dass sie ‚schon mal angefangen hat‘“, berichtet Bernd Halbstunde, Hobby-Zeitzeuge aus der ebenfalls erfundenen Gemeinde Untertaktingen. „Ich habe den Kaffee getrunken. Aus Respekt.“
Die Katze stellt grundsätzlich nicht um
Nur eine Instanz im Haushalt bleibt völlig unbeeindruckt: die Katze. Kater Konrad (7) wird auch am 26. Oktober pünktlich zu der Uhrzeit, die er für richtig hält, vor dem Futternapf sitzen und bedeutungsvoll ins Leere blicken. Ob die Uhr im Flur nun eine Stunde vor- oder zurückgeht, ist ihm herzlich egal. Er hat seine Zeit. Sie heißt „Jetzt“ und gilt ganzjährig.
„Konrad war noch nie zu früh und noch nie zu spät“, sagt seine Menschendienerin Ilse Pfotenhauer. „Er ist einfach immer genau dann da, wenn es ihm passt. Ich glaube, er ist das einzige Wesen in diesem Haus, das den Kalender wirklich verstanden hat.“
Die Bahn und die Stunde, die es zweimal gibt
Ein Ort der stillen Vorfreude ist in dieser Nacht der Bahnhof. Die Stunde zwischen 2 und 3 Uhr gibt es einmal im Jahr doppelt. Für Fahrplanfreunde ist das ein kleines Wunder, für alle anderen ein Rätsel mit Fahrkarte. Auf den Bahnsteigen wird an diesem Sonntag vermutlich häufiger die Frage gestellt, wie spät es eigentlich ist – und die freundliche Gegenfrage, welche der beiden Nächte man denn meine.
Die Bahn wird das wie immer gelassen nehmen. Wer schon einmal „voraussichtlich pünktlich“ gehört hat, weiß: Zeit ist ohnehin ein dehnbarer Begriff. In dieser Nacht dehnt sie sich nur ein bisschen offizieller.
Die ultimative Schwierigkeit: vor oder zurück?
Die eigentliche Königsdisziplin ist nicht das Drehen, sondern die Richtung. Kaum jemand weiß sicher, ob man im Frühling vor- oder zurückstellen muss. Die meisten wissen es ziemlich genau, und die Restunsicherheit entscheidet über den Wecker am Montag.
Die bekannteste Eselsbrücke: Gartenmöbel stehen im Frühling vor dem Haus und im Herbst zurück im Schuppen. Leider hat jeder eine andere. „Im Frühling kommen die Möbel vor das Haus, also vor“, sagt Wolfram Stundenmeier aus dem erfundenen Zeigerhausen. „Bei mir steht der Schuppen im Frühjahr noch unter Schnee“, widerspricht Nachbarin Gerda Viertelnach, „und im Herbst sind die Stühle längst nass. Meine Eselsbrücke ist ein Regenschirm, und der weiß auch nichts.“ Herr Stundenmeier schweigt und blickt auf seine Gartenstühle, die seit November im Schuppen stehen, obwohl es Juli ist.
Der Ausschuss zur Abschaffung der Zeit tagt (irgendwann)
Seit Jahren wird darüber diskutiert, die Zeitumstellung abzuschaffen. Damit das endlich gelingt, hat sich in der fiktiven Amtsstadt Paragrafenau der „Ausschuss zur Abschaffung der Zeit“ (AZAZ) gegründet. Die Vorsitzende, Dr. Hannelore Sekundenbrink, ist zuversichtlich: „Wir haben in nur elf Sitzungen erfolgreich geklärt, dass wir uns über den Sitzungstermin einigen müssen. Die Frage, ob wir dafür Sommer- oder Winterzeit nehmen, ist noch offen.“
Der Ausschuss lädt für die nächste Sitzung ein, „sobald die Zeit reif ist“. Da der Ausschuss aber gerade daran arbeitet, die Zeit abzuschaffen, könnte es mit dem Termin kompliziert werden. Man prüft daher, den Termin einfach „gefühlt irgendwann nach dem Mittagessen“ anzusetzen. Ein Protokoll dazu liegt vor. Es wurde allerdings versehentlich auf 1999 datiert.
Warum ausgerechnet die Türkei ihr Volk von dieser Plage befreit hat
Während Europa diskutiert, hat ein Land am Bosporus schlicht entschieden. Die Türkei stellte 2016 im Frühjahr noch auf Sommerzeit um und beschloss im September, im Herbst nicht mehr zurückzustellen. Die Regierung nahm die Winterzeit per Beschluss aus dem Programm. Seitdem gilt dort ganzjährig UTC+3, und die Frage „vor oder zurück?“ hat sich erledigt.
Ob UTC+3 die perfekte Zeit ist, darüber lässt sich streiten. Aber man streitet dort nur noch über die Zeit, nicht mehr über die Richtung der Uhr. Dr. Hannelore Sekundenbrink vom AZAZ blickt neidisch nach Ankara: „Die haben einen Beschluss gefasst, und danach war Ruhe. Wir haben einen Arbeitskreis für den Arbeitskreis gegründet.“ Immerhin habe man jetzt einen Termin für die Terminfindung. Er liegt allerdings, wie üblich, in der Zukunft.
Fazit: Eine Stunde mehr für alles, was wir sowieso verschieben
Am Ende bleibt die tröstliche Erkenntnis: Am 25. Oktober bekommen wir eine Stunde geschenkt. Wir werden sie mit Umstellung verbringen, mit Diskutieren, ob es jetzt „vor“ oder „zurück“ heißt, und mit dem Blick auf eine Mikrowelle, die wir frühestens im Frühjahr wieder anfassen.
Die Zeitumstellung 2026 ist damit wieder das, was sie immer war: die einzige Gelegenheit im Jahr, bei der ein ganzes Land gemeinsam ratlos auf Uhren starrt – und sich dabei erstaunlich einig ist.
Ende der Durchsage.
Alle Personen, Orte und Ausschüsse in diesem Text sind frei erfunden – außer den genannten Tatsachen zur Zeitumstellung. Die Katze auch – sie sieht das aber anders.

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