Eine tiefschürfende Feldstudie zwischen Laternenmasten und innerem Schweinehund
Berlin (ooha Satire) – Seit Anfang August hängen sie wieder. An Tausenden Laternenmasten, in U-Bahnhöfen, an Stromkästen und gefühlt an jeder zweiten Straßenlaterne zwischen Spandau und Marzahn: die Wahlplakate zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September. Eine Viertel Million Stück sollen es werden. Die heiße Phase des Wahlkampfs ist offiziell ausgebrochen – und mit ihr die große, unausgesprochene Frage der Stadt:
Warum sehen die alle aus wie Schweine?
Man steht da, starrt auf das nächste großformatige Lächeln und denkt sich: Das ist doch kein Mensch mehr. Das ist ein gut beleuchtetes Nutztier mit Parteibuch. Die PR-Fotografen haben ihr Bestes gegeben – weiches Licht, entspannte Schultern, der berühmte „Ich bin total nahbar“-Blick. Und trotzdem: Da ist dieses Unbestimmte. Dieses … Schweinische.
Die Wissenschaft (also wir) hat sich dem Phänomen angenommen. Ergebnis: Es liegt nicht (nur) an den Gesichtern. Es liegt am System.
Wahlplakate zeigen nie den Menschen. Sie zeigen die Hochglanz-Version des Politikers nach intensiver Fütterung mit Talking Points, Fokusgruppen und dem tiefen Wunsch, auf keinen Fall wie jemand auszusehen, der jemals eine unangenehme Wahrheit gesagt hat. Das Ergebnis ist eine Art politischer Mastschwein-Look: rund, glänzend, zufrieden und irgendwie bereit, den Trog zu leeren, sobald niemand hinsieht.
„Schwein“ ist im Deutschen ohnehin seit Jahrzehnten die Standardbezeichnung für Politiker. Saustall, Schweinesystem, intrigantes Schwein – Orwell hätte seine Freude gehabt. Die Berliner Plakate 2026 bringen diese alte Volksweisheit nur besonders plastisch auf den Punkt. Egal ob Linke, SPD, CDU, Grüne, AfD oder die anderen: Irgendwie wirkt es, als kämen sie alle aus demselben Stall. Derselbe aufgesetzte Optimismus. Dieselbe „Wir kümmern uns!“-Mimik. Derselbe leichte Schimmer von „Ich weiß, dass ihr mich trotzdem wählen werdet, weil die anderen noch schlimmer sind“.
Besonders schlimm wird es nach dem dritten oder vierten Plakat an derselben Laterne. Dann setzt der optische Gewöhnungseffekt ein. Man erkennt keine Individuen mehr, sondern nur noch Variationen des gleichen politischen Schweins in unterschiedlichen Parteifarben. Der eine lächelt etwas schief, die andere etwas entschlossener, der nächste versucht „jung und dynamisch“ – und trotzdem denkt man nur: Oha. Schon wieder eins.
Die Parteien haben natürlich nichts dafür. Sie machen nur, was man von ihnen erwartet: Gesichter in die Stadt pflanzen, Botschaften plakatieren und hoffen, dass der Bürger irgendwann aufhört zu denken und anzufängt zu kreuzen. Dass dabei der Eindruck entsteht, man blicke in einen besonders gut organisierten Schweinestall, ist lediglich ein unglücklicher Nebeneffekt der repräsentativen Demokratie.
Ob das bei den konkreten Spitzenkandidaten besonders ausgeprägt ist oder ob es einfach die allgemeine Berliner Plakat-Müdigkeit ist – darüber darf jeder selbst befinden, während er wieder einmal an einer Laterne vorbeiläuft und sich fragt, ob das Tier auf dem Plakat gerade grinst oder nur den Trog im Blick hat.
Bis zum 20. September bleibt uns also nur eines: die Plakate aushalten, den inneren Schweinehund füttern und uns darauf freuen, dass eine Woche nach der Wahl alles wieder abgenommen werden muss.
Dann sieht Berlin wenigstens wieder aus wie Berlin – und nicht wie ein besonders großes, bunt beplakatiertes Gehege.
Für eine bessere Welt.
Und für weniger Schweine an den Laternen.
