Es beginnt harmlos. Man betritt den Tempel des schwedischen Minimalismus mit einem klaren Plan: Ein Billy-Regal, vielleicht ein paar Kerzen und der feste Vorsatz, diesmal wirklich nur das Nötigste mitzunehmen. Doch irgendwo zwischen den Küchenzeilen und dem Textilbereich beginnt die Metamorphose. Der Mensch, der eben noch selbstbewusst den Wegweiser studierte, verwandelt sich in ein verloren wirkendes Wesen, das mit glasigen Augen und einem Einkaufswagen voller Dinge, die er nie wollte, durch endlose Gänge irrt.
Nennen wir ihn Markus. 42, Familienvater, eigentlich gut organisiert. Er wollte nur kurz rein. „Zehn Minuten“, hatte er seiner Frau gesagt. Das war vor drei Stunden. Jetzt steht er vor einem Meer aus Kissen in 47 Beigetönen und fragt sich, ob er jemals wieder Tageslicht sehen wird. Die Schilder helfen nicht. „Ausgang“ steht da – und führt ihn geradewegs zurück in den Kinderbereich, wo plötzlich ein Haufen Plüschtiere auf ihn starrt, als wüssten sie etwas, was er nicht weiß.
Die Psychologie hinter dem IKEA-Labyrinth ist teuflisch perfekt. Die Gänge sind so angelegt, dass man immer weitergeht, immer noch ein „kleines Extra“ entdeckt, immer denkt: „Gleich muss der Ausgang kommen.“ Doch der Ausgang ist wie das Ende eines schlechten Traums – immer in Sichtweite und trotzdem unerreichbar. Markus hat inzwischen den Fleischbällchen-Stand dreimal passiert. Beim vierten Mal nimmt er resigniert eine Portion. Nicht aus Hunger. Aus Trotz.
Er versucht es mit der App. Die App sagt „Sie sind hier“. Aber wo ist „hier“? Zwischen dem Badaccessoire-Bereich und einer Wand aus Spiegeln, in denen er sich selbst als gehetzten Mann mit Einkaufswagen sieht. Ein älteres Paar kommt ihm entgegen. „Wissen Sie, wo der Ausgang ist?“, fragt er hoffnungsvoll. Die beiden lächeln wissend. „Wir suchen ihn seit einer Stunde“, antwortet die Frau. Dann verschwinden sie hinter einer Ecke mit Vorhängen.
Markus beginnt, die Realität zu hinterfragen. Ist IKEA überhaupt noch ein Möbelhaus? Oder ein soziales Experiment? Eine moderne Version des Minotaurus-Labyrinths, nur mit besserem Lighting und günstigeren Preisen? Er sieht andere Verlorene. Eine junge Frau sitzt auf einem ausgestellten Sofa und scrollt apathisch auf dem Handy. Ein Mann mit Kind auf dem Arm murmelt leise: „Wir kommen hier nie wieder raus.“ Das Kind nickt ernst.
Irgendwann, nach dem gefühlten zehnten Durchlauf durch den Wohnzimmerbereich, reift in Markus ein Plan. Die zivile Suche hat versagt. Es braucht eine Exitstrategie. Er steuert gezielt den Lampenbereich an – jenen Raum, den man gefühlt immer kreuzt, voller Hängeleuchten, Glühlampen, Papplampem, Plastiklampen, Klemmlampen, Tischleuchten, Lampenschirmen in 82 Grössen, Stehlampen und Strahler. Dort, mitten unter den leuchtenden Pappmascheehängegedöns, zündet er sich eine Marlboro light an.
Der Rauch steigt gemächlich auf. Er blickt hinterher zum Rauchmelder, Sekunden später heult, schrill und unerbittlich. Mitarbeiter in gelben Shirts kommen angerannt, Sicherheitsleute tauchen auf, Kunden bleiben stehen und starren. Endlich Bewegung. Endlich Aufmerksamkeit. Endlich ein Weg nach draußen.
Als er wenig später die Kasse passiert und die automatischen Türen sich öffnen, blinzelt Markus in die Sonne wie jemand, der Jahre in einer Höhle verbracht hat. Der Einkaufswagen ist voll. Mit Dingen, die er nicht braucht. Mit Erinnerungen an eine Odyssee, die er nie vergessen wird. Und mit der stillen Gewissheit: Nächstes Mal bestellt er online.
IKEA ist kein Laden. Es ist eine Erfahrung. Eine, die den stärksten Willen bricht und den klarsten Kopf vernebelt. Und irgendwo da drinnen irrt immer noch jemand verzweifelt umher – auf der ewigen Suche nach dem Ausgang. Markus hat seinen gefunden. Mit einer Zigarette und einem schreienden Rauchmelder.
