Der nationale Luftballon-Test. Ergebnis: maximal eine Zuckung.
Berlin (ooha Satire) – Es gibt Berufe, bei denen man irgendwann aufgibt. Bei Apotheker:innen habe ich es versucht. Regelmäßig. Mit Luftballontrauben.
Immer wenn eine Apotheke irgendetwas zu „feiern“ hat – Jubiläum, neues Sortiment, endlich wieder Ibuprofen auf Lager –, stehe ich da. Mit einem ganzen Bündel knallbunter, heliumgefüllter Freude in der Hand. Ich überreiche es. Ich warte.
Und dann passiert… fast nichts.
Maximal zuckt ein Mundwinkel. Einmal. Kurz. Wie bei jemandem, dem man gerade gesagt hat, dass die Kasse wieder offline ist, aber diesmal freundlicher. Mehr nicht. Kein Lächeln. Kein „Oh wie süß!“. Kein „Danke, das freut uns“. Stattdessen dieser geübte, professionelle Blick, der sagt: „Ich habe gerade 14 Wechselwirkungen im Kopf und darf auf keinen Fall emotional werden.“
Die Ausnahme der Regel? Habe ich in Jahren systematischer Feldversuche noch nicht gefunden. Weder bei den frisch Approbierten Anfang 20 noch bei den gestandenen Exemplaren mit grauen Schläfen. Im Gegenteil: Von jung mach alt desto ernster. Die starten schon ernst und trainieren sich den Rest dann einfach noch weg.
Man könnte jetzt sagen: Verantwortung. Präzision. Menschenleben. Alles richtig.
Aber dann schaut man sich Chirurgen und Zahnärzte an. Die schneiden tatsächlich in Menschen herum. Die bohren, nähen, sägen, saugen und tragen potenziell noch größere Verantwortung. Und trotzdem: Manche schaffen es, während der Operation derbe Sprüche zu reißen, über den letzten Notfall zu lachen oder dem Assistenten zu erklären, dass das gerade geöffnete Körperteil „heute besonders photogen“ aussieht. Es wird im OP-Saal mitunter so ungeniert geblödelt, dass man sich fragt, ob der Raum zuvor durch Cannabis-Qualm desinfiziert wurde.
Bei Apotheker:innen? Selbst eine wolkenartige Ansammlung von bunt schwebendem Helium bringt maximal eine Zuckung. Als hätte das Pharmaziestudium nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern auch eine dauerhafte Botox-Behandlung der Freude-Muskeln. Lachen fühlt sich dort an wie ein Beinahe-Medikationsfehler.
Interessanterweise nähern sich manche Fachärzte diesem Niveau an: Augenärzte und HNO-Ärzt:innen wirken oft deutlich apothekenmäßiger. Ruhig, zurückhaltend, mimisch auf Sparflamme. Als ob die Nähe zu den feinen, empfindlichen Strukturen des Kopfes eine ähnliche emotionale Zurückhaltung erzeugt wie die Nähe zu Tabletten und Wechselwirkungstabellen. Kein derbes Gelächter, kein lockerer Spruch – eher die gleiche stille Ernsthaftigkeit, mit der man in der Apotheke ein Antibiotikum herausgibt.
Vielleicht ist es Selbstselektion. Die lockeren Typen studieren was anderes. Die präzisen, strukturierten, leicht besorgten landen bei den Tabletten – und teilweise auch hinter dem Spaltlampenmikroskop oder im Nasenspiegel. Und dann kommt die tägliche Dosis Realität dazu: Lieferengpässe, Kassenabrechnungen, Kunden, die ihre Rezepte wie Geheimdokumente behandeln, und die ewige Angst, irgendetwas zu übersehen.
Ergebnis: Eine Berufsgruppe, die selbst bei Luftballontrauben und trotz vergleichsweise „nur“ medikamentöser Verantwortung emotional unbeweglicher bleibt als viele, die operieren und dabei noch derb witzeln können. Mit Ausnahme einiger Fachrichtungen, die den gleichen stillen Ernst kultivieren.
Ich mache weiter. Nächstes Mal vielleicht mit einem aufblasbaren Flamingo. Oder einer Riesenpackung Glückskekse mit pharmazeutischen Witzen. Irgendwann muss es ja knacken. Oder zumindest die Augenbraue.
Bis dahin bleibt die Erkenntnis: Apotheker:innen sind die einzigen Menschen, bei denen man bunte Luftballons abliefern kann – und trotzdem das Gefühl hat, man hätte gerade ein Rezept für Ibuprofen überreicht. Während der Chirurg nebenan noch über den letzten „interessanten Fall“ lacht. Und der Augenarzt und der HNO-Arzt eher mitnicken. Still. Sehr still.
Für eine bessere Welt.
Mit weniger ernsten Gesichtern hinter der Theke.
