OOHA Satire

Für eine bessere Welt!

Ungarn: Verboten den Hund baden

Manchmal, wenn ich nichts besseres zu tun habe, fahre ich nach Ungarn. Viele bezeichnen Ungarn als „die Perle“, manche sogar als „die Schweißperle“ des Balkans. Das liegt daran, daß die anderen Balkanvölker hauptsächlich damit beschäftigt sind, Reisende auszurauben, westliche Arzneimittelspenden zu verkaufen oder ethnische Säuberungen durchzuführen, während der Ungar lieber ruhig und konzentriert seiner Arbeit nachgeht. Feierabends baut er sich ein Eigenheim oder erzieht seine Kinder im Sinne des kantischen Imperativs. Also, für alle, die mit dem Gedanken spielen, da mal hinzuwollen:
In Ungarn sieht es nicht so aus wie in den Auslandswackelbildern auf CNN, wo immer nur geschrien, gerannt und geschossen wird, sondern eher wie zuhause. Ich persönlich finde es ziemlich ok, wenn die Menschen so sind wie ich.‘, ‚Aber wie so oft gibt es dann doch einen Haken: In Ungarn ist das die Sprache. Die Ungarn haben bei der Auswahl eines Verständigungsmittels nicht auf das Deutsche zurückgegriffen, obwohl sich unsere Sprache ja, ich glaube man kann das inzwischen ohne falschen Nationalismus sagen, insgesamt weitgehend bewährt hat. Sie haben vielmehr eine ganz eigene Sprache am grünen Tisch entworfen, die nur einige schüchterne Anleihen aus dem Finnischen und dem Esperanto genommen hat.

Wenn man nun wie ich, nicht so gut finnisch kann, helfen einem die Ungarn gerne weiter. Ich konnte mir z.B. nie genau merken, ob „Noi“ „Männer“ und „Ferfi“ Frauen oder umgekehrt bedeutet, weshalb ich öfters mal auf der falschen Toilette anzutreffen war und dort immer wieder mit der einheimischen Damenwelt in ein anregendes Kurzgespräch kam, bevor ich hurtig wieder Land gewinnen mußte. Die Tatsache dass die Ungarn auf den Toilettentüren gerne geschlechtermäßig schwer zuzuordnende Zeichen wie einen Kamm oder einen Transvestitenschuh abbilden, hat mir die Auswahl des geeigneten Örtchens meist nicht wirklich erleichtert. Einmal habe ich auf dem Damenklo des Cafes „Parisz“ sogar einen Kanadier getroffen, was der kleinen Toilette einen ziemlich kosmopolitischen Anstrich gab. Zu zweit konnten wir dann ausnahmsweise mal aus einer Position der Stärke heraus mit einer aufgeregten ungarischen Frau darüber verhandeln, wer denn hier richtig und wer falsch ist.

Da die Ungarn radikale Pragmatiker sind, haben sie schnell realisiert, daß die Besucher aus dem Westen das Ungarische nie lernen werden. Um die Stehpisser von den Damenklos fernzuhalten und zu verhindern, daß die Touristen dauernd beim Friseur ein Bier trinken wollen, ist in den Ferienorten praktischerweise alles deutsch und englisch beschriftet. Um uns Deutschen jedoch ständig vor Augen zu führen, daß wir nicht zu Hause sind und uns deshalb anständig benehmen sollen, haben die Ungarn unsere Sprache meist leicht verfremdet.

So wünscht man auf einer Speisekarte beispielsweise: „Wir hoffen, Sie haben gut geschmeckt!“. Oft funktioniert diese poetische Agrammatik hervorragend. Mir war gleich klar, was auf der Toilette mit „Bitte Ordnung sauberhalten“ gemeint ist. Schwieriger wird es jedoch bei Formulierungen wie einem groß plakatierten „Idiote Preise“ an einer Boutique. Hier wäre es vielleicht doch besser gewesen, den Text nicht silbenweise, sondern bedeutungswahrend zu übersetzen. Richtig beeindruckt und auch beschäftigt hat mich jedoch das von der Tourismusverwaltung an allen Abschnitten des Balaton-Sees aufgestellte Schild mit der Aufschrift „Verboten den Hund baden“.

Dazu muß ich vielleicht vorausschicken, daß in Ungarn nicht nur wenig geschrien, gerannt und geschossen wird, sondern überhaupt nicht sehr viel passiert. Selbst die Landschaft, die in anderen Erdteilen ja oft alles gibt, sitzt hier rum und dreht Däumchen. Ungarn ist vielleicht insgesamt ein Urlaubsland für Leute, die in einem Berliner Strassencafe sitzen und sagen: „Diese permanente Reizüberflutung gibt mir nochmal den Rest.“ Ja, was macht man dann so in Ungarn? Morgens zum Kiosk gehen, die Süddeutsche von vorgestern holen, und sie beim Frühstück lesen. Danach mal an den Strand. Irgendwann einen Cafe trinken, vielleicht nochmal am Kiosk nachschauen, ob inzwischen die Süddeutsche von gestern da ist. Dann einen Spaziergang. Und so weiter. Da kam mir so ein Schild, das zu einer kleinen spontanen Meditation einlädt, natürlich nicht völlig ungelegen. Jedesmal, wenn ich wieder auf „Verboten den Hund baden“ gestoßen bin, ist mir eine andere Bedeutungsebene aufgegangen: Beim ersten Mal war ich mir fast sicher, daß es sich nur um die Bezeichnung eines kantonesischen Gerichts mit feinpochiertem Rauhhaarpudelwelpen in Reisweinsosse handeln kann. Ihr braucht nicht nachzuschauen: Das ist eine der Speisen, die beim Vietnamesen um die Ecke nicht auf der Karte stehen. „Verboten den Hund baden“ wird wahrscheinlich nur als „Bückware“, wie der Asiate sagt, auf Nachfrage für Stammgäste zubereitet. Beim zweiten Mal schien mir die Formulierung eher auf eine aryuvedische Massagetechnik mit feucht-fröhlicher Erotikkomponente hinzudeuten. Eventuell sogar unter Einbeziehung von Chakrapunkten, die zurückbeißen. Danach vermutete ich dahinter eine augenzwinkernde Geheimbezeichnung unter Männermörderinnen für die rückstandsfreie Beseitigung des heimischen Patriarchens mithilfe einer stark lebenshemmenden Flüssigkeit wie Treibsand, Salzsäure oder Frischbeton.

Ja und so blieb das Nachsinnen über den verbotenen Hund immer einer meiner geliebtesten und aufregendsten Programmpunkte des Tages, als ich an den Gestaden des Balatons weilte. Oft dachte ich: Weit, schön und geheimnisvoll wie die Puszta und die Paprika ist das ungarische Deutsch. Was manchmal vielleicht noch zu fordern wäre, wäre eine schärfere pragmatische Zuspitzung und Kontextbezogenheit der Aussagen – natürlich unter Beibehaltung der poetischen Payload: So würde mir ein Schild auf dem Damenklo mit der Formulierung „Falsch geschmeckt, Idiotemann, verbotener Hund wieder einpacken und raus nächste Tür, wir grüßen!“ auf eine nette und blumige Weise, aber doch relativ eindeutig klarmachen, dass ich wieder den falschen Eingang genommen habe.

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