Gesellschaft [1]: Hartz IV im Praxistest [2]

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Millionen Deutsche sind von Hartz IV betroffen. Das bedeutet nicht nur weniger Geld für keine Leistung. Auch die Zumutbarkeitskriterien wurden verschärft: Inzwischen werden vielen Langzeitarbeitslosen sogar Jobs angeboten, die vormittags beginnen oder erfordern, dass man nüchtern zur Arbeit kommt.



Meine Frau Britta und ich beobachten diese Entwicklung mit Sorge: Es kann ja wohl nicht sein, dass die ökonomischen Probleme dieses Landes auf dem Rücken arbeitsscheuer Alkoholiker gelöst werden. Wir alle fordern viel zu oft von anderen Menschen Dinge, die wir uns selbst nie zumuten würden. Deswegen haben Britta und ich uns spontan entschlossen, Hartz IV einmal ganz direkt am eigenen Leib auszutesten.
Wir haben bei der Arbeitsagentur für zwei Wochen einen langzeitarbeitlosen Ein-Euro-Jobber als Haushaltshilfe gebucht. Über unsere praktischen Erfahrungen, unsere Probleme, unsere Sorgen, unsere Ängste und Nöte haben wir Buch geführt:



27.8. Die prompte Reaktion überrascht uns: Am Vormittag haben wir beim Arbeitsamt angerufen und bereits am Nachmittag steht ein linkischer Jeansjackenträger vor unserer Haustür. Günther hat einen etwas schlaffen Händedruck, aber sonst wirkt er ganz OK. Auch unser Dobermann Pol Pot scheint Günther zu akzeptieren. Zumindest hat er ihn bei der Begrüßung nicht schwer verletzt. Nur die Kinder sind etwas enttäuscht, sie hätten lieber ein Pony gehabt. Für viel mehr als eine kurze Einführung in Haus und Hof ist heute keine Zeit. Morgen geht es richtig los!



28.8. Günther erster Arbeitstag

Ich versuche, Günther auf seinen neuen Job anzuheizen. Ich erzähle ihm, wie froh wir sind, dass wir ihn haben und frage ihn, ob er bereit, auf seinem neuen Job bedinglos alles zu geben. Das etwas zögernde „Ja“ enttäuscht mich doch etwas. Egal, ich muss zur Arbeit, Günther gehört heute Britta: Feudelbewehrt schrubbt er hinter meiner Frau durchs Haus und läßt sich in dessen Geheimnisse einführen.

Meine Frau ist nicht restlos überzeugt: Günther ist zwar beim Kehren, Wischen und Saugen sehr bemüht, ging aber die härteren Herausforderungen etwas pomadig an. Bei den Kalkflecken und gerade auch am Urinstein fehlt ihm noch der nötige Biss, das Quäntchen Durchsetzungswillen, das eine wirklich gute Putze auszeichnet. Außerdem „schweißelt“ er angeblich etwas.



30.8. Heute hat mir Günther im Garten geholfen. Bei größeren motorischen Koordinationsleistungen oder bei Arbeiten, die Kraft erfordern, wie Entobsten der Bäume oder Rasen mähen, agiert er noch etwas glücklos. Das Laubrechen und Kehren macht er aber sehr gut und mit viel Liebe zum Detail.



31.8. Günther hat heute erste Reinigungsarbeiten im Haushalt eigenständig ohne Aufsicht erledigt. Ich habe mich heute länger mit ihm unterhalten, um ihm klar zu machen, dass er für uns mehr ist als ein Wischmopp mit Jeansjacke. Günther erzählt etwas von sich: Er ist promovierter Germanistiker oder so etwas, hat aber nie in seinem Beruf gearbeitet. Ich mache ihm Mut: „Günther, das Leben ist wie eine Schlammlawine. Manchmal geht’s rauf, manchmal runter.“



1.9. Pol Pot lässt Günther nicht mehr ins Haus. Die Kinder behaupten, Günther habe sich aus seinem Napf bedient, aber das ist wohl absurd. Naja, Günther kann ja erstmal weiter im Garten arbeiten.



2.9. Wir verlängern: Günthers Arbeit war die ersten drei Tage umsonst, „Schnupperschuften“ nennt das Arbeitsamt dieses Angebot. Ab heute müssen wir den vollen Satz von einem Euro die Stunde bezahlen. Wir fragen die nette Betreuerin vom Arbeitsamt, wozu wir Günther eigentlich einsetzen dürfen. Die Auskunft war „Das Übliche, …, ich schau mal nach, ja: keine harte körperliche Gewalt, keine Fäkalspiele, nicht ohne Kondom, …, hups, da bin ich in der Spalte verrutscht, das waren die Sexsklaven, Augenblick, …, nö, bei den Langzeitarbeitslosen gibt’s eigentlich keine Einschränkungen.“



3.9. Günther geht inzwischen auch größere Herausforderungen mit etwas mehr Ellenbogeneinsatz an. Heute hat er mit seinem Stahlschwämmchen und einem Essigreiniger dem eingebrannten Schmutz an Herd und Ofen gezeigt, was eine Harke ist. Danach ist er hinter die Spülmaschine und Herd gegrätscht und hat dort kompromißlos durchgewienert. Britta findet Günther trotzdem „komisch“. Außerdem würde er immer noch zu stark transpirieren.



4.9. / 5.9. Wir sind am Wochenende weg und verleihen Günther an Freunde, die gerade ihr Chalet renovieren müssen. Soll er da erstmal weitertranspirieren.



6.9. Heute hat sich Günther von den Kindern zwei Stunden lang durch unseren und Nachbars Garten reiten lassen und damit ganz klar bei ihnen gepunktet. Ich sehe, dass er seinen Job immer stärker strategisch angeht und nicht nur kurzatmig den Anforderungen des Tagesgeschäfts hinterherhechelt. Er hat auch erste Schritte zu einer Versöhnung mit Pol Pot gemacht, in dem er ihm ein Stück Geflügelquiche, Pol Pots Leibgericht, mitgebracht hat.



7.9. Pol Pot und Günther waren heute praktisch unzertrennlich. Als wir sie auseinandergebracht hatten, fehlte Günther ein halbes Ohrläppchen. Pol Pot ist unverletzt. aber wütend. Vielleicht war es Günthers Geruch, der ihn so aufgebracht hat.



8.9. Günther kam heute nicht. Wir haben bei ihm angerufen. Er hat gesagt, er wolle nicht mehr kommen. Ich bin ein großer Freund des Prinzips „fördern und fordern“. Nachdem wir Günther 10 Tage lang wirklich unterstützt haben, bleiben wir jetzt – auch in seinem eigenen Interesse – hart. Ein Ohrläppchen ist nicht so ein Riesending, dass man da tagelang zu Hause bleiben muss. Außerdem hat er ja noch ein anderes. Ich mache ihm klar, dass wir auf dem Arbeitsamt alles in Bewegung setzen werden, dass seine Leistungen gekürzt werden, wenn er nicht seine zwei restlichen Tage ableistet. Nach mehrstündigen Verhandlungen habe ich ihn so weit, dass er morgen wieder kommt.



9.9. Günther kommt pünktlich und mit einem Verband um das Ohr. Er geht seine Aufgaben mit zusammengebissenen Zähnen, aber zupackend an. Ich bin sehr solz auf ihn, dass er seinem inneren Schweinehund gezeigt hat, wo der Hammer hängt. Das sage ich ihm auch.



10.9. Günthers letzter Tag.

Wir beratschlagen, ob wir ihm nicht eine Verlängerung vorschlagen. Die Kinder finden Günther „Kacke“. Sie wollen lieber ein richtiges Pony. Das sollte auch nicht so einen „Kacke“ Namen haben wie Günther, sondern „Schnuffel“ heißen. Meine Frau meinte, Polinnen putzen einfach doch gründlicher. Ich bin der einzige, der Günther noch eine Chance geben will. Ich mache meiner Familie klar, dass eine Resozialisierungsmaßnahme nach zwei Wochen noch nicht zu Ende sein kann. Aber sie wollen einfach nicht mehr. Wir danken Günther und schenken ihm zum Abschied einen Deo-Stick.



Abschließend muss ich sagen, dass Hartz IV natürlich ein Programm ist, das den Menschen viel Härte zumutet. Uns haben die zwei Wochen seelisch wirklich stark mitgenommen. Britta behauptet, dass Günthers Schweißgeruch immer noch in den Polstern hängt. Und Pol Pot reagiert seit diesen zwei Wochen aggressiv auf Jeansjackenträger. Andererseits war es für uns alle ein unglaublich gutes Gefühl, einem Sozialegel eine Gelegenheit zu verschaffen, von seiner eigenen Hände Arbeit zu leben. Einem Menschen wieder einen strukturierten Tag, etwas Sinn, ein Ziel, auf das er hinleben kann, zu geben, das hat uns allen einen Kick gegeben.



Ich glaube, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, müssen wir alle einen Beitrag leisten. Eine Einstellung der Art „Hartz IV ist super, aber ungewaschene Langzeitarbeitslose kommen mir auch für einen Euro nicht ins Haus“ hilft uns hier nicht weiter. Da müssen wir alle unsere persönlichen Zumutbarkeitskriterien auch mal runterschrauben, den Riechkolben auf Durchzug stellen und sagen: „Günther müffelt, aber er müffelt für ein neues, gerechtes Deutschland, in dem jeder die Pflicht, und das Recht auf angemessene Arbeit hat.“
Links
  1. http://www.ooha.de/index.php?module=News&func=view&prop=Main&cat=36
  2. http://www.ooha.de/index.php?module=News&func=display&sid=82