 Spät am Abend, wenn die öffentlich-rechtlichen Olympiaberichterstatter sich langsam daran machen, ihre Gags vom Nachmittag zu recyclen, kommt die Sportart für die kleinen Genießer unter den Sofa-Olympioniken: Das Damen Einzel-Rodeln. Diese Sportart ist so deutsch wie die Wacht am Rhein oder ein brennendes Asylbewerberheim, deswegen erfreut sie sich immer einer breiten Coverage in den hiesigen Medien.
Für Leute, die sich wenig bis nichts darunter vorstellen können: Hier stürzen sich vier Tage lang eher übergewichtige Damen in hautengen Latextüten rücklings auf einem Brett eine Eisrille runter. Medaillen bekommen die Mädels, die es schaffen, auch in den Haarnadelkurven in der Bahn zu bleiben und sehr schnell, aber auch möglichst gleichzeitig mit ihrem Schlitten, ins Ziel zu schliddern. Seit der frühen Neuzeit (diese Sportart ist schon seit längerem olympisch) waren das eigentlich immer drei deutsche Damen. Manchmal konnte sich auch ein Ösi- oder Ossimädel aufs Treppchen schmuggeln. Ein Hauptproblem dieser Sportart ist physikalisch bedingt: Die Hangabtriebskraft und damit die Beschleunigung nimmt proportional mit dem Gewicht der Dame zu, während der Luftwiderstand nur im Verhältnis von Wurzel 2/3 zum Gewicht steigt. Einfacher ausgedrückt: Je fetter die Athletin, desto schneller geht's bergab. Damit die Osteuropäer nicht wie beim Damenhammerwerfen hyperfette Rodlerinnen in unterirdischen Mastanlagen züchten, gibts beim Rodeln noch eine Ausgleichsregel, wonach die leichteren Exemplare etwas Blei mitnehmen dürfen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich die typische Rodlerin dem in unserer Gesellschaft grassierenden Schlankheitswahn relativ erfolgreich verweigert. Es sind selten durchtrainierte Gerippe, die die Rille runtersausen, sondern eher die Frauen, die die Brigitte-Kartoffel-Eigenurin-Diät schon nach wenigen Stunden abgebrochen haben. Da einige der Sportlerinnen auch etwas angejahrt sind, erinnern mich die Rodelmuttchen oft so ein bißchen an meine Lieblingswerbesendung im Privatfernsehen: "Je oller, desto doller. Hausfrauen, 55 plus, verwöhnen Dich am Telefon.". Als Sponsoren für diese Sportart jenseits des geschmacklichen Mainstreams kommen eigentlich nur die deutsche Metzger- und Fleischerinnung oder "Monas Modeladen für Mollige" in Frage.
Ein weiteres Problem ist die fast völlige Vorhersehbarkeit und Ereignislosigkeit der Wettkämpfe: Damenrodeln ist eine Sportart für Leute, die beim Eisstockschiessen vor Aufregung hyperventilieren: Meist ist beim Rodeln für den Zuschauer absolut nicht erkennbar, ob eine Sportlerin schneller fährt als die andere, weil in der Spitzengruppe bereits Hunderstelsekunden über Sieg oder Platz entscheiden. Dazu kommt, dass die einzelne Rodeldame fast bei jedem Lauf das selbe Ergebnis erzielt. Das führt natürlich dazu, daß sich ab dem dritten der vier Läufe, die Rangfolge der ersten fünf Plätze nicht mehr verändert. Mein Mitbewohner und ich, die wir alle Rennen gebannt verfolgt haben, jubelten schon bei Großereignissen wie bei der Rückeroberung des Platzes sechs von der zahnbespangten Österreicherin durch die Nummer sieben, einem Angela-Merkel-Look-Alike aus der Ukraine. Die ganze Übertragung gemahnt von ihrer Spannungskurve sehr stark an das schöne Sendeschlußfilmchen "ZEN - Zuschauen Entspannen Nachdenken", das früher im bayerischen Rundfunk lief und den Zuschauer durch minutenlange statische Einstellung auf Bäume, Steine und andere bewegungsunlustige Objekte sedierte.
ARD und ZDF verstehen es allerdings immer wieder, auch ruhigere Sportarten spannend in Szene zu setzen: Beim zweiten Lauf wurde z.B. ein im Schnee weidender Elch in der Nähe der Rodelbahn entdeckt. Klar, dass der Wiederkäuer vor dem Hintergrund eines vollkommen spannungsfreien Laufes Eventcharakter bekam und ein breites Lächeln auf die großäugigen Reportergesichter zauberte. Wenn gerade kein Elch da ist, muss zum Konjunktiv gegriffen werden, um das Rodeln ereignismäßig aufzubrezeln. Als gerade die Nummer 24, eine kugelförmige Russin halbkontrolliert die Rinne runterschoß und gefährlich nahe an das obere Bandenende kam, schwadronierte der ARD-Reporter darüber, was denn passieren würde, wenn diese zweieinhalb Zentner Lebendgewicht aus der Spur rausfliegen würden und mit Tempo 100 im Publikum aufschlügen. Uiuiui, das wäre vergleichbar, wie wenn Dir ein Güterzug quer durchs Gesicht fährt, ein Blizzard Dein Gemächt umsortiert oder ein Tsunami Deine Eingeweide spült. Das wollte der Reporter sagen, stotterte aber natürlich nur öffentlich-rechtlich: "Da wären schwere Verletzungen möglich, ja, sehr schwere, lebensgefährliche sogar." Glücklicherweise ist nichts dergleichen passiert. Die Russin bremste unten lässig ab, oben rollte ein Trainer die Nummer 25, eine lyonerfarbene Lettin, an den Start. Fernsehdeutschland konnte nochmal aufatmen.
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