
Wir danken der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck dieses Beitrags, der zuerst in ihrer Mitgliederzeitung "erziehen & langweilen" 5/2002 erschienen ist. Originaltitel: "Deutschland um halb zehn: Die Knoppers werden weggesteckt, das Kollegium schlägt zurück." von Oberstudienrat Wilhelm List.
Viele unserer Kollegen hat der Amokschüler von Erfurt tief in ihrem Selbstverständnis getroffen: Wozu sammelt man all die Jahre als Dompteur einer verrohten Bande von Lernbehinderten Rentenansprüche, wenn man kurz vor der wohlverdienten Frühpensionierung mit 38 von einem irren Pistolero aus dem Leben geschubst wird?
Dem ersten Schock über dieses zweite Pisa folgte eine kompetent geführte deutschlandweite Generaldebatte über Möglichkeiten, mit solchen Terrorknilchen umzugehen. Strategien wie Zero Tolerance, Flexible Response, Massive Retaliation oder die von der GEW befürwortete Preemptive Extinction, also die Auslöschung potentieller ABC-Schützen bereits im Mutterleib, machten die Runde.
Für alle Pädagogen, die in diesem Wortgeklingel nicht mehr durchblicken, möchte ich mit folgendem Tatsachenbericht aus einem kleinen sächsischen Städchen ein schönes Praxisbeispiel für den professionellen Umgang mit Problemkindern schildern. Hier wird auch anschaulich gezeigt, dass es nicht immer mit einer so unerfreulichen Kill-Ratio von 14:3 ausgehen muß, wenn der Lehrkörper gegen die Pickelfressen antritt.
Ein schöner heller Frühlingsmorgen in Dödra-Zerba. 9:30 Uhr, große Pause am Günther-Prien-Gymnasium. Die Schüler vergnügten sich auf dem Schulhof damit, Pausenbrote zu zertreten, Klebstoff zu schnüffeln oder Porno-DVDs zu tauschen. Um 9:40 schaute der NDP-Ortsgruppenleiter Fahrenholz mal vorbei, um Mitglieder für die Nationale Schülerfront zu werben. Im Osten nichts Neues also, alles schien auf einen weiteren friedlichen Tag hinzudeuten. Kollege Keitel (Musik, Deutsch und Theater-AG), der Pausenaufsicht hielt, verkaufte den jüngeren Schülern, die den Schulhof noch nicht verlassen dürfen, Zigaretten und Alkohol zu überhöhten Preisen. Während er mit seiner Kühltasche und dem Ausruf "Drinks, Rauchwaren, Eis" über den Hof tingelte, hielt er wie immer Ausschau nach telefonierenden Kids. Das absolute Handyverbot an der Schule eröffnete dem Lehrkörper eine weitere wichtige Zusatzeinnahmequelle: Die Konfiszierung von Mobilfunkgeräten und der anschliessende Weiterverkauf der Asservaten über Ebay.
Für Keitel schien sich daher gerade ein mittleres Klondike aufzutun, als ein sechsteiliger SMS-Newsletter der auch in Dödra-Zerba beliebten Website www.mehr-spass-mit-drogen.de dreissig Handies kurz hintereinander klingeln, fiepsen, singen und rülpsen ließ. Keitel rannte von Geräusch zu Geräusch, durchsuchte Taschen, ließ Schulranzen öffnen und brachte hie und da sogar einen kurzen Eier-Kontroll-Griff an den Mann. So erbeutete er unter geweinten und geschrienen Flüchen der Schüler siebzehn Handies, sowie einen Taschenrechner und zwei Elektrofoltergeräte, die prophylaktisch mitkonfisziert wurden.
Mobilfunkgerät Nummer achtzehn sollte ihm jedoch zum Verhängnis werden. Als er die als Schultaschen dienenden Lidl-Tüten des Elftklässlers Yuri Sokolowski überprüfen wollte, antwortete der stämmige Deutsch-Kasache -Nejn!. Keitel, der wenig Zeit zu verlieren hatte, da überall andere Funken klingelten, wollte sich die Plastiksäcke mit Gewalt nehmen. Yuri hielt sie fest, ein fröhliches Gezerre entspann sich, bis Keitel die Tüten mit einem Ruck an sich riß und gleich darauf den Inhalt durchwühlte. Yuri außer sich vor Wut, antwortete ihm auf kasachisch: Er platzierte eine stramme rechte Gerade irgendwo zwischen Doppelkinn, Knebelbart und Halbbrille in Keitels Gesicht. Keitel ging sofort zu Boden. Die Pickelmeute johlte und schrie.
Ein Schüler funktioniert im Prinzip ähnlich wie ein Hai oder ein Werwolf: Wenn er Blut, Angst oder Schwäche wittert, geht seine Aggressivität mit ihm durch: Die Kids begannen sofort erbarmungslos auf den am Boden liegenden Keitel einzutreten. Wir können seine letzten Lebensminuten nur rekonstruieren: Er scheint nochmal aufgestanden und ins Schulhaus geflohen sein. Im ersten Stock, kurz vor der Lehrertoilette, wurde er aber offensichtlich von der Rotte eingeholt und anschliessend mit einem Kartenständer gepfählt.
Währenddessen hielt sich der Rest des Kollegiums zur Feier des Namenstags einer Kollegin gerade an ein paar Kästen Sekt im Lehrerzimmer schadlos. Wir bemerkten den Ernst der Lage erst, als die aufgepeitschte Meute draußen begann, an die abgeschlossenen Türen zu hämmern. Unser Rektor reagierte geistesgegenwärtig: Er ließ die Ausgänge des Lehrerzimmers zum Flur verrammeln und rannte durch die Verbindungstür in sein nebenan gelegenes Arbeitszimmer. Kurz darauf kam er mit einem Arm voll Handfeuerwaffen zurück, die er verteilte. "Auf diesen Moment habe ich nur gewartet" schrie er. "Jetzt schlägt das Kollegium zurück. Rache für Erfurt! Wir schießen den verdammten Schweinen die Pickel aus dem Gesicht!". "Ja, Rache für Erfurt!" brüllten wir alle im Chor "Tötet die Teufelsbrut!". Wir waren gerade am Durchladen und Entsichern, als die Schüler begannen, mithilfe langer Turnbänke die Außentüren einzurammen.
[Wie wird es weitergehen? Können sich die eingekesselten Lehrer befreien oder wird das ein weiteres pädagogisches Stalingrad? Was machen eigentlich die GEW-Spezialeinheiten? Muß mal wieder alles von den armen Frontschweinen ausgebügelt werden? Wieviel Blut muß denn noch fließen, bis wir merken, daß man Geld nicht essen kann? Leben oder Leben lassen? Was sagt eigentlich Möllemann dazu? Fragen über Fragen. Schalten Sie wieder ein, wenn es heißt, OOHA und die GEW gehen mit vereinten Kräften gegen das deutsche Schulwesen vor.