 Johannes B. Kerner interviewt Osama Bin Laden: Unser Mitarbeiter Johannes B. Kerner suchte das medienscheue Enfant Terrible der internationalen Politszene in seinem Versteck auf. Das lange, streckenweise sehr persönliche Gespräch bestritt der ehemalige Erasmus-Stipendiant in fast akzentfreiem Deutsch. Mit den gängigen "Terrormörder"-Stereotypen unserer Medien hat der geheimnisumwitterte Turbanträger nichts zu tun, wir lernten vielmehr den Menschen Bin Laden, einen nachdenklichen und bescheidenen Bartfetischisten kennen.
Wir haben dem Terrorfürsten zugesagt, seinen Aufenthaltsort vertraulich zu behandeln. Nur so viel sei verraten: Es sah nicht so aus wie in Hamburg. Wenn man aus dem Fenster schaute, streunten dort bärtige Männer vor einer etwas angetrockneten Gebirgslandschaft herum oder putzten ihre Waffen. Vielleicht Garmisch-Partenkirchen.
B. Kerner: Herr Bin Laden, am 11. September haben Ihre Mitarbeiter die beiden Türme des World Trade Centers zum Einsturz gebracht. Was fühlt man in diesem Augenblick? Ist es einfach Triumph oder wird man in so einem Moment auch nachdenklich?
Bin Laden: Am Anfang kann man es natürlich noch nicht fassen: Wir saßen den ganzen Morgen übernächtigt vor CNN und haben immer gebetet: Mein Gott, laß es nicht so einen Reinfall wie bei der letzten WTC-Aktion werden. Als dann das erste Flugzeug im Center ankam, war das schon wie eine Erlösung für uns. Als das zweite auch noch gelandet ist, waren wir natürlich happy wie die Hippos. Das, wofür wir jahrelang hart gearbeitet haben, ist wahr geworden.
B. Kerner: Ich kann mir vorstellen, daß es im Anschluß daran eine große Party in Ihrem Hauptquartier gegeben hat?
Bin Laden: Nein. Viele meiner Mitarbeiter sind ja sehr religiös und trinken deshalb keinen Alkohol, weshalb wir unsere Projektabschlüsse eher in einer ruhigen Atmosphäre bei Keksen und einem Gläschen Tee begehen. Wissen Sie, letzlich freut man sich ein bißchen, atmet kurz durch, nimmt sich vielleicht zwei, drei Wochen frei, aber dann geht es schon weiter mit dem nächsten Projekt. "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", wie ein großer Deutscher einmal gesagt hat.
B. Kerner: Viele Menschen gerade im Westen kritisieren Ihre Arbeit. Sehr kontrovers wird vor allem der Einsatz von Selbstmordattentätern zur Umsetzung von politischen Zielen diskutiert.
Bin Laden: Als Terroristenführer hat man natürlich nicht nur Anhänger, sondern auch viele Gegner. Ich habe nichts gegen konstruktive Kritik an der Sache und an der Vorgehensweise. Problematisch empfinde ich aber die oftmals persönlichen und teilweise unter die Gürtellinie gehenden Angriffe.
B. Kerner: Sie haben sehr lange erfolgreich mit der CIA zusammengearbeitet. Was war der Grund für den plötzlichen Abbruch der Kooperation Anfang der 90er Jahre? Hat man sich einfach auseinandergelebt oder gab es einen konkreten Anlass?
Bin Laden: Ja, das war eine tolle Zeit, an die ich gerne zurückdenke. Leider mußten wir mit den Jahren realisieren, dass sich unsere jeweiligen Ziele "Kapitalismus ohne Adjektive" und "Gottesstaat mit Tschador und Scharia" immer schwieriger unter einen Hut bringen ließen. Von daher fanden wir es ab einem bestimmten Punkt ehrlicher, wenn jeder seinen eigenen Weg geht.
B. Kerner: Ist Ihr Job, ihre Position, nicht eine große Belastung für Ihre Familie? Hatten Sie, bevor Sie das Amt des Terrorfürsten übernahmen, mit Ihrer Frau darüber gesprochen?
Bin Laden: Natürlich habe ich jeden Schritt mit meiner Familie besprochen, und meine Familie hat jeden meiner Schritte mitgetragen. Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. In meinem Fall sind das sogar drei starke Frauen und inzwischen vierzehn Kinder und neununddreißig Enkel. Ohne die Unterstützung meiner Familie, auch in schwierigen Zeiten, wären meine beruflichen Erfolge so nicht möglich gewesen.
B. Kerner: Was bewegt einen jungen Millionenerben, seinen erlernten Beruf, seine Freunde, sein Reitpferd und seine Konkubinen an den Nagel zu hängen, das wohlhabende Saudi-Arabien zu verlassen und sich dieser gefährlichen Profession zu widmen? Warum wird man Terroristenführer? Ist das nur religiöse Berufung oder auch ein Hauch Abenteuerlust?
Bin Laden: Es war natürlich der Reiz, etwas Neues, Aufregendes zu tun und zu erleben und nicht wie mein Vater oder meine Brüder in der doch wenig glamourösen Baubranche zu enden. Inzwischen sehe ich meinen Beruf etwas abgeklärter, distanzierter, weniger idealistisch. Ich muß einen anstrengenden, hochprofessionellen Job leisten, der anderen manchmal verdammt hohe Opfer abfordert.
B. Kerner: Wie hat man sich das Privatleben eines Fundamentalistenchefs vorzustellen? Überspitzt gefragt: Terrorisieren Sie nach der Arbeit Ihre Familie?
Bin Laden (lacht): Nein. Ich bringe die Arbeit nicht mit nach Hause. Feierabends und am Wochenende hat der Terror ein Ende. Ich widme mich meiner Familie, gehe mit meinem Hund Toni spazieren, setze mich auch noch mal mit alten Freunden auf ein Bier zusammen, wobei ich zugeben muß, dass das in letzter Zeit viel zu selten passiert. Ich koche sehr gerne und - wie viele meiner Freunde sagen - nicht einmal schlecht.
B. Kerner: Sie sind jetzt 56 Jahre alt und im Moment auf einem Höhepunkt Ihres Schaffens angelangt. Es dürfte schwierig sein, gerade die letzte Aktion zu toppen. Denkt man manchmal daran, sich zurückzuziehen und Jüngeren das Feld zu überlassen?
Bin Laden: Natürlich habe ich manchmal mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören und mich intensiver mit meiner Familie und den vielen Dingen zu beschäftigen, die in den letzten zwanzig Jahren zu kurz gekommen sind. Aber im Moment kann ich mir einen Osama Bin Laden, der den ganzen Tag zu Hause sitzt und sich nur der Bartpflege hingibt, noch nicht vorstellen.
B. Kerner: Was viele unserer Leser natürlich interessiert, ist, ob Sie uns schon etwas über Ihr nächstes Projekt verraten können?
Bin Laden: Das muß leider noch geheim bleiben, aber Sie können sicher sein, es wird Sie wieder überraschen.
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